Was ist HUSCARL?

von Roland Warzecha

Huscarl bezeichnete im Skandinavien der Wikingerzeit einen professionellen Krieger, der der Garde eines Jarls oder Königs angehörte. Die "Hauskerle" (Karl/Kerl = freier, zum Tragen von Waffen berechtigter Mann) wurden nach der Eroberung durch die Dänen im Jahr 1014 als Elitetruppen von dem anglo-dänischen König Knut dem Großen auch in England eingeführt. Ihr Ende kam schließlich mit der Schlacht von Hastings im Jahr 1066, als die französischen Normannen England eroberten.

1999 regte deräin der europäischen Wikinger-Re-enactmentszene weithin bekannte Engl?nder Alban Depper (Jahrgang 1965), unter dem Namen HUSCARL eine Initiative an, die zum Ziel hatte, einen möglichst realistischen Freikampf unter Verwendung (stumpfer) Repliken frühmittelalterlicher Waffen zu erfahren. Dabei ging es nicht darum - wie oftmals missverstanden - das weithin für Re-enactmentschlachten etablierte Kampfsystem einfach um eine vergrößerte Trefferzone zu erweitern. Vielmehr sollte der Schwerpunkt auf dem Erlernen des ursprünglichen Gebrauchs der frühmittelalterlichen Waffen liegen, anders also als im Re-enactment-Fechten, wo bereits ein leichtes Antippen mit der Klinge den Kampf entscheidet, wodurch sich ein ganz eigene Handhabung der Waffen entwickelt hat. Zudem ist das Re-enactment-Fechten - anders als Huscarl - eine "körperlose" Sportart, ähnlich dem modernen Sportfechten. Während die Mehrzahl der Re-enactors dieser Initiative skeptisch bis ablehnend gegenüberstand, begannen spätestens Ende 2000 einige wenige Wikingergruppen vornehmlich in Deutschland und Norwegen, aber auch in Dänemark, Schweden und Holland, sich experimentell der hinter Huscarl stehenden Idee zu nähern.

Noch wusste keiner, wohin die Reise gehen sollte. Quellenmaterial, dass den Fechtbüchern des späten Mittelalters vergleichbar wäre, gibt es für die tatsächlich eingesetzten Kampftechniken des frühen Mittelalters nicht. Dass aber zumindest professionelle Wikingerkrieger umfassend und regelmässig Kampfspiele, Speerwerfen, Bogenschießen, Ringen und den Kampf mit Schwert und Schild trainierten, wissen wir z.B. aus dem altnordischen "Konungs Skuggsja", dem Königsspiegel. Auch Saxo Grammaticus schreibt in seinen "Gesta Danorum", den Taten der Dänen, dass körperliche Ertüchtigung, Mutproben und die Unterweisung durch Veteranen zur Ausbildung junger Krieger gehörten. Über die Kampfkünste wird im einzelnen jedoch nicht berichtet.

So war es nur folgerichtig für die Huscarl-Enthusiasten, sich an "späteren" Quellen zu orientieren, so z.B. dem Towerfechtbuch I.33 von ca. 1300 für Schwert und Buckler, wie es zuerst von Mitgliedern der norwegischen Gruppe Kongshirden Akershus 1308 praktiziert wurde, die sich ohnehin neben der Wikingerzeit der Darstellung eben jener Epoche widmen und auch als erste in Norwegen entsprechende Seminare mit den Western-Martial-Artist-Ikonen Dave Rawlins und Colin Richards veranstalteten. Interessant ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, das Colin Richards - selbst seit über 20 Jahren Wikinger-Reenactor - etwa zeitgleich mit den Anfängen von Huscarl andernorts sein Studium der Fechtbücher begann. Im Lauf der Jahre stellten Colin und der Autor bei gelegentlichen Treffen immer wieder frappierende Übereinstimmungen bei ihren Rekonstruktionen des Schwertkampfes fest. Dies empfanden beide als Bestätigung, zumal sich die Einflüsse des Autors aus anderen Quellen speisten:

Entsprechend der Überlegung, dass zu allen Zeiten Kämpfer den Gesetzen der Physik und den Gegebenheiten der Anatomie unterworfen waren, und somit zu ähnlichen oder gleichen Erkenntnissen kommen mussten, liegt es nahe, sich bei der Rekonstruktion historischer Kriegskünste an modernen Martial Arts zu orientieren, sofern diese nicht "versportlicht" sind und somit nicht mehr das alleinige Ziel haben, den Gegner schnellstmöglich und effizient kampfunfähig zu machen. Für die Hamburger "Hauskerle" erwies sich die Bekanntschaft mit den Kampf- und Kriegskünstlern Axel Wagener und Heiko Lempio, die für ihre Arbeit als Securityexperten ihre langjährigen Erfahrungen im sogenannten UCC (Ultimate Close Combat) gebündelt haben, als echter Glücksfall. Schnörkellos und effizient geht es dabei mit oder ohne Waffen um den bedingungslosen Kampf im besten Liechtenauerschen Sinne. Naturgemäß liegt ein Trainingsschwerpunkt auf druckvollem Sparring. Seit September 2000 trainiert der Autor regelmäßig UCC. Heiko Lempio wiederum kämpft mittlerweile ebenfalls begeistert Huscarl. Die Hamburger Fechtgruppe Hammaborg hat bei ihrem zweimal die Woche stattfindenden Training schon seit langem viele Übungen und Trainingsmodi aus dem UCC übernommen, nebst stumpfen Stahlschwertern kommen so auch entsprechend des jeweiligen Trainingsziels Holz- und Polsterwaffen zum Einsatz.

Schwerpunktmässig wird im Huscarl der Zweikampf mit Einhandschwert mit und ohne Schild/Buckler bzw. Dolch trainiert, seltener Gruppenkämpfe (... in erster Linie aus Mangel an geeigneten Kämpfern). Stangenwaffen, insbesondere Lanzen lassen sich nach bisherigem Dafürhalten nur schwer integrieren. Die Beschränkung auf das frühmittelalterliche Waffenarsenal besteht aber kaum mehr, seit sich die Kontakte zu den historischen Fechtern intensivieren. Der Kampf mit dem stählernen (stumpfen) Langschwert ist wohl wegen der Stichlastigkeit und der größeren Hebelwirkung problematischer als beim Einhandschwert, aber bestimmt nicht unmöglich. Mittlerweile versteht sich Huscarl somit auch als ein sich stetig entwickelnder, praxisbezogener Ansatz zur Rekonstruktion historischer europäischer Kampfkünste und Kriegstechniken. Dabei ist allen Enthusiasten bewusst, dass es sich immer um Simulationen handelt. Die Sicherheit der Fechter bleibt oberstes Gebot - das ist aber der Grund für das bekannte Paradoxon jedes Kampftrainings: Der Gegner ist Partner, nicht Feind. In diesem Sinne wird - entgegen aller Unkenrufe - im Huscarl nicht stumpf aufgerüstet und blindlings dreingeschlagen. Mit entsprechendem Training ist es vielmehr durchaus möglich, beim Freikampf mit Stahl Wucht aus den Hieben und Stichen zu nehmen ohne den Fluss zu unterbrechen.

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Gesichtsstiche lassen sich allerdings nur andeuten. Um im Sparring aber überhaupt beurteilen zu können, was ein "guter" Treffer war, sind ständiges Schlagtraining gegen Dummies oder auch Schnitttests unerlässlich. Ausserdem ist Vollkontaktkämpfen mit geeigneter Schutzausrüstung und gepolsterten Waffen ständiger Bestandteil des Trainings.

Noch ein Wort zu Kampfregeln: Regelwerke wechseln, je nach Trainingsschwerpunkt. Allen ernsthaften Freikämpfern ist aber bekannt, dass, je realistischer die Simulation sein soll, desto subjektiver die Bewertung eines einzelnen Kampfes. Wer also generell klares Punkten erwartet, wird enttäuscht werden. Da die Huscarl-Gemeinde sich aber bisher durchweg aus fairen, verantwortungsbewussten Leuten zusammensetzt, ist das auch nicht relevant. Man spürt ohnehin, wann man besiegt ist!

... und wo kann man trainieren?

Neben einschlägigen Seminaren empfiehlt sich die Kontaktaufnahme mit folgenden "Hauskerlen" oder Gruppen:

Hamburg:
Hammaborg, die Gruppe des Autors:
info@hammaborg.de

Neustadt Glewe:
Svart-Wikinger, die Gruppe von Maik "Svart" Schulz, engagierter
Organisator vieler Treffen und Trainings:
info@svart-wikinger.de

München:
Matthias Ullrich, Wikingerveteran, historischer Fechter und
Huscarl-Einzelkämpfer:
matzurkion@web.de

Lübeck:
Alban Depper, Huscarl-Initiator und Berufswikinger
alban@northan.net

Oslo:
Anders Helseth von "Kongshirden", historischer Fechter und Missionar
Norwegens:
smedgutt@hotmail.com

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Huscarl wird partiell auch von anderen Gruppen trainiert, deren Schwerpunkt aber auf dem Re-enactment-Fechten liegt.

Grundsätzlich darf man sich aber keinen Illusionen hingeben: Huscarl erfordert nicht weniger schweisstreibendes Training als traditionelle Kampfkünste. Bis es im Freikampf mit Stahl richtig rockt, braucht es gut und gern zwei, drei Jahre regelmässigen Trainings. Aber anfangen soll man sinnigerweise ohnehin erstmal mit bloßen Händen oder Holzwaffen. Rüstung und Schwert braucht man anfangs nicht.

... und wo nun kann man Huscarl fechten?

Seit zwei Jahren veranstaltet Maik "Svart" Schulz im Rahmen des jeweils Anfang Juni stattfindenden Burgfestes in Neustadt Glewe (zwischen Hamburg und Berlin) ein Huscarl-Turnier. Regeln machen jeden Kampf zwar zum Sport, aber als Turniermodus hat sich das 3/1-System bewährt: Verloren hat, wer zuerst 3 Körpertreffer oder einen Kopf- bzw. Halstreffer kassiert hat. Ausserdem besteht beim Burgfest die Möglichkeit, mit den Wikingern der russischen "Silberwölfe" zu trainieren, deren Fechtsytem durchaus kompatibel ist.

Ansonsten treffen sich manche Huscarl-Fechter am Rande größerer Re-enactment-Veranstaltungen zum gemeinsamen Klingenkreuzen.

Mit wachsender Zahl interessierter Fechter böten sich aber auch historische Fechtevents als Treffpunkt an, sowie natürlich die Veranstaltung spezieller Huscarltreffen.

... das Abenteuer geht weiter.

Roland Warzecha

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